Die Macht der Normalität

Was ist richtig? Was ist falsch? Was ist normal? – Im Laufe des Tages bewerten und kategorisieren wir ganz unbewusst und ohne bösen Hintergedanken die Geschehnisse, Erlebnisse und Begegnungen unseres Alltags. Wir haben eine Meinung zum mürrischen Postboten, zum zugeknöpften Aktenträger und zur fröhlichen Frisöse. Wir reagieren und kommentieren Andere und werden ebenso vom Gegenüber gelesen und bewertet. Hierbei leiten uns innere Konstrukte darüber an, was richtig und was falsch, erwünscht und unerwünscht, als höflich und unhöflich oder sagbar und nicht sagbar gilt. Diese Normen und Werte haben wir im Lauf unseres Lebens anerzogen bekommen, wir wurden sozusagen sozialisiert und haben uns die Regeln der Gesellschaft zu eigen gemacht. Mit der Zeit werden wir uns ein eigenes inneres Netz aus diesen moralischen Richtlinien gespannt haben. Wir für uns wissen wie wir den moralischen Forderungen gerecht werden wollen, welche Werte wir besonders achten und wo wir auch mal ein Auge zudrücken 😉

Normen haben verdammt viel Macht. Denn sie begegnen uns an jeder Straßenecke, sei es die Litfaßsäule mit Heidi Klum, die Oma mit dem Rollator, der alternative Typ ohne Schuhe, der redegewandte Flyerverteiler einer Menschenrechtsorganisation, das schreiende Kind im Kinderwagen oder einfach der Blick der Anderen, welcher über dein Outfit geht. Jedes dieser Beispiele hat die Macht sofort etwas in einem auszulösen. Heidi Klum steht für die Schönheit, die liebe Oma mit Rollator steht für Hilfsbereitschaft, der alternative Typ ohne Schuhe steht für Umweltbewusstsein, der Flyerverteiler für Mitgefühl, das schreiende Kind für eine gute Erziehung und der Blick der Anderen für das eigene Selbstwertgefühl. Jeden Tag wandeln wir durch die Straßen und sind in ständiger Bereitschaft dafür, für unser eigenes Fehlverhalten sanktioniert, für normentsprechendes Verhalten gelobt oder eben auch selbst zum Kritiker der anderen zu werden.

Aber wer sagt eigentlich was richtig und was falsch ist?

Um diese Fragen zu beantworten, lasst uns den Vorhang öffnen für die wunderbare Show der Normen.

Zum einen gibt es da die Idealnorm. Dieser nette Vertreter des Normenensembles vertritt den Zustand einer vordefinierten Vollkommenheit. Somit ist dieser Charakter quasi der Everybody´s Darling unter den Normlingen. Denn jeder kann eine Idealnorm besitzen und das sogar zu zig unterschiedlichen Bereichen und Themen. Jedem kann aber auch eine Idealnorm auferlegt werden. Frauen haben lange Beine, Männer weinen nicht, gute Kinder sind immer brav und Studenten haben jeden Tag Wochenende. Wie es so soft mit Idealen ist, sie treffen´s einfach nicht. Ein Ideal ist meist weit entfernt von der Realität. Es gilt als erstrebenswert einen idealen Zustand zu erreichen und der ein und andere schafft es auch. Doch es gilt hierbei immer zu hinterfragen, wer schreibt mir das Ideal vor, warum tut derjenige das und will ich dem wirklich gerecht werden?

Doch das soll es nicht gewesen sein! Die kunterbunte Show der Normen hat noch mehr zu bieten. Es gibt eine Norm, die wird allen klarheitsliebenden Menschen da draußen gefallen. Ein Herz für Mathematiker, Chemiker und Physiker. Es gibt Gesetze und Formeln an denen man sich orientieren kann. Zum Glück gibt es sie, die statistische Norm. Diese vergleicht den Einzelfall mit dem Gruppendurchschnitt. Es wird errechenbar, was selten und was häufig ist. Die Mehrheit gewinnt! Denn dort wo die Mehrheit liegt, da befindet sich auch Macht. Nüchtern betrachtet womöglich ganz logisch, denn eine Mehrheit überwiegt schließlich die Minderheit. Umso mehr Menschen in einer Sache übereinstimmen, umso wahrscheinlicher ist das dieser Entwicklungsverlauf, diese Einstellung oder dieses Verhalten als NORMAL zu betrachten ist. Aber Achtung! Nach dieser Logik ist auch ein überdurchschnittlich intelligenter Mensch, ein Hochleistungssportler mit überdurchschnittlicher Laufgeschwindigkeit oder ein Unternehmer mit einzigartiger Verkaufsstrategie als unnormal zu klassifizieren. Dabei bewundern wir doch genau diese Überdurchschnittlichkeit, sind beeindruckt von diesem Genie, der menschlichen Rakete oder dem glorreichen Strategen. Die Bedeutung einer statistischen Norm ist also relativ zu betrachten. Sie kann nämlich bedeuten, dass Albert Einstein, Usain Bolt oder Elliot Zuckerberg von gefeierten Stars zu abnormalen Außenseitern mutieren – und das wäre doch völliger Quatsch, oder?

Wir alle kennen den nun folgenden Star dieser Show, wir lieben ihn, wir hassen ihn… Bühne frei für die soziale Norm! Diese Norm sorgt für den alltäglichen Vergleich mit den Werten der Gesellschaft und uns selbst. Sind wir gut so wie wir sind? Bin ich in Ordnung? Bin ich okay? Werde ich für meine Art, mein Verhalten oder mein Aussehen sanktioniert oder gelobt? Entspreche ich dem Ideal der Gesellschaft? Die soziale Norm übt gewaltigen Druck auf uns aus. Fügen wir uns ihr nicht, so leben wir Gefahr von der Gesellschaft verstoßen zu werden. Wir laufen Gefahr ein Außenseiter zu sein. Allein zu sein. Isoliert zu werden. Es ist völlig verständlich, dass dies Angst in uns Menschen auslöst. Das Bedürfnis nach sozialen Kontakten und menschlicher Nähe ist tief in unserem Gehirn verankert. Menschliche Nähe und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist für uns überlebenswichtig. Schon als Säugling besteht eine wichtige Bindung zwischen Kind und Mutter. Ohne Liebe und Zuneigung sterben wir in diesen frühen Lebensjahren. Später sehnen wir uns nach Zugehörigkeit in einer sozialen Gruppe. Denn eine Gemeinschaft bietet Sicherheit und Schutz. Unser Gehirn ist auf den Wunsch nach einem sozialen Miteinander regelrecht vorprogrammiert. Kaum verwunderlich also, dass die soziale Norm so verdammt viel Einfluss auf uns hat.

Glücklicherweise gibt es einen Antagonisten der sozialen Norm. Womöglich hinkt der Vergleich, den folgende Charakter als konsequenten Gegenspieler vorzustellen, denn wie sehr dieser gegen die sozialen Norm spricht, gestaltet sich ganz individuell. Doch die Kraft sich dem sozialen Druck entgegen zu stellen hat er auf jeden Fall! Die Rede ist hier von der subjektiven Norm. Durch diese Norm passiert ein individueller Abgleich mit den eigenen Ansprüchen an Gesundheit, Glück, Lebensgestaltung, Schönheit, Auftreten und Partnerwahl mit den Normen der Gesellschaft. Je nachdem wie also das IN UNS gewichtet ist, so relativieren oder akzeptieren wir die uns vorgeschriebenen Werte und Ideale der Gesellschaft. Die subjektive Norm bildet quasi unseren inneren Kompass, wie wir uns zwischen den verschiedenen Normen mit unseren eigenen Wertvorstellungen und Wünschen hindurch navigieren wollen. Die subjektive Norm hat letztendlich die Kraft nochmal alles neu zu gewichten. Finde ich mich dünn und mager wirklich schön? Oder akzeptiere ich meinen Körper so wie er ist? Muss ich wirklich der Beste meines Jahrgangs sein? Oder reichte es mir einfach mein Bestes zu geben? Muss ich wirklich ein Sixpack haben? Oder reicht es mir einfach fit und gesund zu sein? Hier entscheidest DU, was DIR wichtig ist 🙂

Zuletzt dem Ensemble der Normen beizustellen ist, die funktionale Norm. Die funktionale Norm fragt nach der Erfüllung von Funktionen und (Entwicklungs-)Aufgaben. Neben der statistischen, sozialen und subjektiven Norm, werden nämlich auch klinische bzw. medizinische Normen gemacht. So muss das Kind zu einem bestimmten Alter sprechen und laufen können, ein bestimmter IQ ist im Leben zu erreichen und wenn du nicht altersgerecht deine Übergänge im Leben bestehst, dann besitzt du womöglich nicht genug Selbstregulation, Verhaltenskontrolle, Willensstärke, Weitsicht oder Selbstverantwortung. In dieser Norm wird also die Funktionstüchtigkeit deines Körpers, deines Geistes und deiner Entwicklung kontrolliert.

Normen und Normalitäten üben verdammt viel Macht auf uns aus.

Dass dies auch weiterhin so sein wird können wir zwar nicht verändern, aber wir können reflektieren wo Normen wirksam werden, uns beeinflussen und was diese für unser Verhalten, unsere Gedanken und unsere Einstellung zu uns selbst und auch zu anderen bedeuten. Dies zu reflektieren hilft uns letztendlich dabei, etwas weniger von Normen und Idealen bestimmt und ein klein wenig mehr davon geleitet zu sein, WAS UNS GUT TUT.

MachtNormalität2

 

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